Emma Donoghue: Raum (Buch & Film)

Wir erinnern uns dunkel: die bildhübsche Brie Larsson hat im Januar 2016 den Oscar als beste Hauptdarstellerin in einem Drama gewonnen. Das Drama hieß Raum und basierte auf dem gleichnamigen Buch von Emma Donoghue. Da ich den Film als Ergänzung zu dem, was ich sich beim Lesen in meiner Phantasie abgespielt hatte, unbedingt sehen wollte, habe ich die Buch-Rezension bis heute aufgeschoben. Dank Amazon Prime Video habe ich nämlich jetzt den direkten Vergleich.

INHALT: Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine »Freunde«, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es noch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen … (Text: Piper Verlag →)

FAZIT: Wer denkt: Ein Buch über zwei Personen in Gefangenschaft muss ja langweilig sein, irrt. RAUM ist etwas mehr als nur die Geschichte zweier Personen in Gefangenschaft, denn no spoiler, die Gefangenschaft in RAUM ist nur der Ausgangspunkt, das eigentliche Drama spielt sich danach ab.

Das Buch wird aus der Perspektive de kleinen Jack erzählt, worüber ich mehrfach gestolpert bin. Er spricht bzw. erzählt recht einfach, was einerseits seinem Alter geschuldet ist, er ist fünf, andererseits der Tatsache, dass seine Mutter die einzige Person ist mit der er aktiv kommuniziert. Zwar darf er auch fernsehen, zum Beispiel Dora the Explorer und sein Wortschatz ist sicherlich nicht kleiner als der eines anderen Fünfjährigen, doch seine Lebenswelt, RAUM, ist einfach eine andere als die eines Fünfjährigen, der die gesamte Welt aktiv entdecken und erleben kann. Darüber hinaus ist diese einseitige Perspektive eines Kindes natürlich etwas anderes als ein Buch mit allwissendem Erzähler, denn man sieht nur durch die Augen des Kindes und muss sich daher auf vieles selbst einen Reim machen, was aus Jacks Perspektive normal ist und Sinn ergibt, dem Leser aber seltsam vorkommt. Insofern empfand ich das Lesen streckenweise als etwas mühsam. Aber ich wollte natürlich unbedingt wissen wie sich die Geschichte entwickelt! Und so sehr ich mich an Jacks Perspektive gestört habe, so gut ist der Aufbau der Erzählung. Ohne ein Krimi oder Thriller zu sein ist der Roman ein absoluter Pageturner! Emma Donoghue gelingt es von den eher beschaulichen Beschreibungen des Lebens in RAUM zu einem hochkarätigen Flucht- und Familiendrama überzusetzen, das mich emotional gepackt und mehrfach zu Tränen gerührt hat ohne auch nur einen Hauch kitschig zu sein. Dabei spielt natürlich die Bindung zwischen Jack und seiner „Ma“ Joy eine große Rolle, aber auch die Beziehungen zu den Menschen, die Joy in ihrem Leben vor RAUM hatte sind wichtig und werden feinfühlig und sehr differenziert ausgearbeitet.

RAUM war regelrecht dazu prädestiniert filmisch umgesetzt zu werden, da man in einem Film Jacks Perspektive erweitern kann, ohne an den Figuren etwas ändern zu müssen. Das kann zwar gnadenlos schiefgehen, ist es in diesem Fall aber nicht, was sicher auch daran liegt, dass die Autorin Emma Donoghue für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Auf dieser Basis ist es dem Regisseur Lenny Abrahamson gelungen, Jacks Perspektive, der das Leben ins RAUM als völlig normal empfindet, und die Beklemmung, die eine Gefangenschaft auf jeden von uns, also auch auf Joy, ausübt, gleichermaßen festzuhalten. Wirklich großartig und etwas vielschichtiger als die Buchvorlage wird der Film nach Jack und Joys Flucht. Ab da ist der Film logischerweise kein Kammerspiel mehr (selten hat der Begriff so gut gepasst) und wird um viele Personen und Schauplätze erweitert, die in der Buchvorlage vorkommen, aber etwas diffus bleiben. Vor allem Joys Beziehung zu ihren Eltern habe ich im Film als intensiver empfunden, was aber auch an den großartigen Darstellern gelegen haben mag. Brie Larsons schauspielerischer Leistung und die des damals achtjährigen Jacob Tremblay sind intensiv und einnehmend und dass für Jacob damals nicht einmal eine Oscar-Nominierung rumkam, wundert mich bis heute.

Ich kann das Buch und den Film wirklich empfehlen, gerade weil beides aus der Feder derselben Autorin stammt und sich somit hervorragend ergänzt. Für die nicht-Leser bietet der Film allein allerdings auch zwei Stunden großartig gespieltes und inszeniertes Drama.

4 Comments

  1. An besagte Oscarnacht und speziell an die Auszeichnung ‚Best Leading Actress‘ kann ich mich sogar noch sehr gut erinnern!
    Der Film liest sich äußerst interessant und ich denke, dass ich ihn mir in naher Zukunft wirklich mal anschauen werde. Hingegen reizt mich die dazugehörige Buchvorlage überhaupt nicht. Wenn sogar du schon äußerst, dass die Kindperspektive anstrengend ist trotz packender Handlung, dann wird das wohl eher nichts für mich sein.

    • Das Buch ist wirklich keins, das man gelesen haben MUSS. Aber ich lese einfach gerne die Bücher bevor ich die Filme dazu sehe :) Ich lese aber vermutlich insgesamt mehr als andere Leute.

  2. Hi Alice,

    auf deinen Post hin, habe ich mir den Film am Samstag angeguckt. Mein Mann hat nur nebenbei zugeguckt, für ihn ist das ja gar nichts. Sowas verträgt er nicht und auch für mich wars harte Kost. Ich muss ehrlich sagen, er ging mir seither auch nicht mehr aus dem Kopf. Jeder hat so sein Horrorszenario und ich muss ehrlich sagen, pack Samara dazu und du hast meins.

    Ein wirklich grossartiger Film.

    Wie immer, ich liebe deine Serien – Film – Empfehlungen sehr :)

    LG Julia

Begin at the beginning and go on 'till you come to the end: then stop.

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